Mitteldeutscher Verlag: Das Vineta-Riff

Jörg Jacob
Das Vineta-Riff

Roman in 20 Erzählungen
168 Seiten, geb. mit SchU ISBN 978-3-89812-362-4

Ausgezeichnet mit dem Gellert-Preis 2006
„Ein Buch, das zart und komikstrahlend und verhalten und plastisch und sensibel und in seiner sprachlichen Kraft die Worte kostend, Leben ausbreitet … in Geschichten, die subtil den Irrwitz eines Landes widerspiegeln und sich doch mitunter einem Anflug von Trauer nicht verschließen.“

Manfred Jendryschik, Laudatio zum Gellert-Preis 2006 (Auszug)


Wenn einer eine Ostkindheit hat, dann kann er was erzählen. Oder etwa nicht? "Lisa hofft noch immer auf unerhörte Geschichten" – und voller Elan durchkramt der Ich-Erzähler sein Gedächtnis nach den kleinen biografischen Kuriositäten, die seine aus dem Westen stammende Freundin unbedingt hören möchte. Doch irgendwie scheinen ihm die Episoden aus seiner Kindheit und der Zeit des Heranwachsens immer knapp am geschichts- und geschichtentauglichen Kern der Dinge vorbeizugehen. Dem Autor gelingt hier ein kleines, stilles Wunder: Leicht und komisch erzählt, mit der sympathischen Zurückhaltung des Zweiflers und einer geschickt inszenierten Hintergründigkeit lässt er die Welt und das authentische Lebensgefühl seiner Generation aufscheinen. "Das Vineta-Riff" ist ein Buch über die Suche nach dem sagenhaften Osten und der Substanz der eigenen Biografie, das subtil die Umwandlung von Erinnerung in Literatur thematisiert.


Pressestimmen
"In seiner leisen Art findet Jacob in seinen kleinen Geschichten Puzzleteile für die Wahrheit über die DDR. Jacob gelingt eine Prosa, die – lässt man ihr ihre Gangart – unerhört fesselt."

Leipziger Volkszeitung


"Zwanzig Erzählungen …, die in ihrer literarischen Feinfühligkeit Besonderes bieten."

Michael Hametner


"Weil er weder sich noch seinen Stoff zu etwas zwingt, erzählt er präzise und genau."

Gisela Hoyer


"Jacobs Ehrgeiz richtet sich auf die Sprache. Da findet sich kein überflüssiges Adjektiv, keine unbedachte Floskel. Seine Prosa besitzt jene klare, dabei dichte Einfachheit, die sich genauer, ja aufopfernder Spracharbeit verdankt – und darum so selten ist. ‚Das Vineta-Riff‘ ist ein wohltuend unpathetisches und unaufdringliches Erinnerungsbuch an die DDR. Ein Roman für Entdecker."

Kreuzer, Leipziger Stadtmagazin



Leseprobe
Sascha wohnt in einer Platte, und die Platte gehört zu einer Plattensiedlung, die Sonnenstein heißt, wahrscheinlich weil sie auf einem Berg über der Stadt gebaut worden ist und irgendjemand die Vorstellung hatte, dass die Sonne dort im Jahresdurchschnitt eine halbe Stunde länger scheint als unten in der Stadt. Saschas Platte steht zwischen den anderen Platten, und der einzige Unterschied ist, dass die anderen Platten ganz normale Platten sind, ohne diesen Stahlbügel zwischen der vierten und der fünften Etage. Was soll denn die Klammer? fragt Franz das Mädchen, das mit einer Weinflasche vor dem Eingang steht und so aussieht, als würde sie auf jemanden warten, von dem sie weiß, dass er sowieso nicht kommen wird. Sonst fällt es auseinander, sagt das Mädchen. Sie ist schmal, nicht sehr groß, mit kurzgeschnittenem aschblondem Haar und frechen Augen. Wenn ihr zu Sascha wollt, sagt sie, dritter Stock rechts. Fällt auseinander?, sagt Franz. Wir starren wieder an der grauen Wand nach oben. Wie kann denn so was passieren?, fragt Franz nach einer Weile noch einmal. Weiß ich doch nicht, sagt das Mädchen. Es passiert eben. Sie reicht Torsten die Flasche, dann fingert sie eine Packung Zigaretten aus der Hosentasche der sehr engen Bluejeans und fängt an zu rauchen. Wohnst du hier?, fragt Torsten, der aus der Weinflasche getrunken hat und sie jetzt an mich weiterreicht. Er sieht an dem Mädchen vorbei, obwohl er ihr gern in die Augen sehen würde, aber das traut er sich wieder mal nicht. Vierter Stock links, antwortet das Mädchen. Aber dann musst du doch wissen, beginnt Franz von neuem. So was passiert eben, sagt sie und zuckt mit den Achseln. Sie lacht. Und wahrscheinlich verlieben wir uns in diesem Moment in das Mädchen, Torsten und ich, in dem Moment, in dem wir zum ersten Mal ihr spöttisches Lachen hören. Es ist ein sehr hübsches Lachen. Ich gebe ihr die Weinflasche zurück, und wir gehen alle erst einmal rein.


Vineta-Riff

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