Mitteldeutscher Verlag: fluten

Jörg Jacob
fluten

Erzählung 120 Seiten
KlBr. ISBN 978-3-89812-630-4

Die Flut kommt. Unaufhaltsam. Dunkel und bedrohlich steigt das Wasser. Stufe um Stufe bewegt es sich Carl und seiner Frau entgegen. Der Strom ist längst ausgestellt, die Nachbarn haben sich mit Sandsäcken in ihren Häusern verschanzt, auch Carls Frau hat versucht, das Nötigste zu tun. Aber Carl verweigert sich selbst dann noch allen Gegenmaßnahmen, als die Anwohner bereits mit Hubschraubern von den Dächern gerettet werden – und lässt kommen, was da kommt.
Inspiriert vom Erlebnis des Jahrhunderthochwassers erzählt Jörg Jacob in diesem Prosatext atmosphärisch dicht von einem Mann, dem der natürliche Flucht- und Schutzreflex abhanden gekommen ist. »fluten« ist eine eindrückliche und sorgfältig komponierte Studie über einen Mann in einer Ausnahmesituation, einen Stillhalter, bei dem sich die vielen kleinen Unauffälligkeiten des Alltags zu einem ungeheuerlichen Verhalten ausgewachsen haben und sich spektakulär Raum verschaffen.


Pressestimmen

"Beim Lesen dieser stilleren Passagen musste ich an Mike Leighs "All or Nothing" denken, an jene so unspektakulär traurig-schönen Szenen, als Phil einfach losfährt, den Taxifunk aus, das Handy aus, bis er irgendwo ankommt, um unter wechselhaftem Himmel allein zu sein mit dem Schwappen der Wellen. So ähnlich wird Carl sich gefühlt haben in dem Waldstück mit den Porphyren, auf dem Feldweg zwischen raschelnden Ähren."

Radar – Literaturmagazin, Lothar Quinkenstein, März 2010


"Jörg Jacob, schon 1999 Träger des MDR-Literaturpreises und 2006 ausgezeichnet mit dem Gellert-Preis für seinen Erzählband Das Vineta-Riff, ist mit der Erzählung fluten eine berührend-erschreckende Studie über einen Menschen gelungen, der eben nicht auszog – und deshalb sein Gefühl für Glück verlor."

Katrin Greiner, Neues Deutschland, Buchmessebeilage, Oktober 2009


"Das Buch mit dem schönen Cover bietet Kurzweil. Die einfache und oftmals staccato-artige Sprache ermöglicht Einblicke in das Seelenleben der Betroffenen. Die Erzählung erinnert still und traurig an die Jahrhundertflut. Sie spiegelt Authentizität in allen Lebensbereichen wider und hält die Schäden vor Augen."

mysputnik.de, September 2009


"Jacob ist eher ein stiller, betrachtender Erzähler. Die Stimmung in seiner Erzählung baut sich durch kleine, fast karge Satzbausteine auf, die in der Summe zur dichten, lastenden Szenerie gerinnen."

Leipziger Internetzeitung, 28. August 2009


"Die Erzählung von Jörg Jacob wirft Fragen auf. Was ist die von Carl erlebte Realität, was entspringt seiner Einbildung? Fragen, die sich auch der Protagonist selbst stellt. Ihn zweifeln lassen. So gelingt es dem Autor, die Spannung bis zum Ende aufrecht zu erhalten."

Leipziger Volkszeitung, 26. August 2009



Leseprobe
Carl hat die Taschenlampe ignoriert. Ist nicht in den Keller gestiegen, gestern Abend nicht, in der Nacht nicht, heute Morgen nicht. Das Wasser war nicht aufzuhalten, dieses Mal nicht. Die Spundwände der Feuerwehr haben das Wasser nicht aufhalten können, die Sandsackbarrieren vor den Hauseingängen nicht, und Carl hat das Wasser auch gar nicht aufhalten wollen. Der Keller ist ihm egal. Das Brummen der Pumpe aus dem Nachbarhaus war zu hören gewesen, die ganze Nacht hindurch war sie gelaufen, gleichmäßig-beruhigendes Geräusch aus dem Untergrund, aber es hatte ihn nicht interessiert. Dieses Mal soll geschehen, was will. Er hätte tun können, was in seiner Macht stand, hätte der Müdigkeit, der Gleichgültigkeit trotzen, hätte die Marmeladengläser und den Wein aus dem Keller schleppen können, keuchend, mit gerötetem Gesicht, das Wasser im Nacken, immer neue Anweisungen der Frau in den Ohren, die Werkstatt ausräumen, Türen und Fenster abdichten, Vorräte und Mineralwasser heraufschleppen in die Wohnung, wie in eine Festung, aber er hatte nichts getan. Nichts.
Das Wasser steigt und aus dem steigenden Wasser steigt Stille, das Wasser ist Carls Verbündeter, die üblichen Fahrzeuggeräusche verstummen, die Radios, die Fernsehgeräte verstummen, die Stille wächst, schwappt heran, herein, will sich vereinigen mit Carl. Carl wartet auf diesen Moment, auf den Moment, in dem alles still ist, um ihn, in ihm, draußen und drinnen. Vielleicht ist so der Tod, denkt Carl. Vielleicht ist die Stille die Ordnung des Todes. Das Ende der Angst vor dem steigenden Wasser.
Carl hat keine Sandsäcke gefüllt und vor Tür und Fenster aufgestapelt, Carl hat am Fenster gestanden, hat die Frau beobachtet, wie sie über den Hof ging, links und rechts die weißgrauen Leinensäcke, die sie zuvor mit Sand gefüllt hatte.
Die Leinensäcke schwingen im Rhythmus der Schritte gleichmäßig vor und zurück, zwei Pendel, die noch weiter schwingen, wenn die Frau schon stehen geblieben ist. Das Gesicht der Frau: gerötet von der Anstrengung, glänzend vom Schweißfilm, der auf ihrer Haut liegt, verklebte einzelne Haarsträhnen an Stirn und Wangen. Die Frau sieht nicht auf, wenn sie ohne die Sandsacklast zurückgeht, kein einziges Mal hebt sie den Blick, sie geht, die Schultern gebeugt, und tritt immer wieder auf die gleichen Steine auf dem gepflasterten Hof, als wäre da eine unsichtbare Linie eingezeichnet, der sie folgen muss. Und es scheint, als ob sie mit jedem Gang tiefer und tiefer einsinken müsse auf dieser Linie, einsinken mit den Pflastersteinen, auf die sie tritt, eine Furche hinterlassend quer durch den Hof, bald bis zur Hüfte, dann bis zu den Schultern verschwindend, irgendwann nichts mehr als diese Furche zurücklassend, einen Riss, einen Spalt, der sich stetig verbreitert und die beiden Hälften des Hofes diagonal auseinanderdriften lässt.


fluten

⇒ Buch kaufen